Höher, schneller, weiter. Wann ist genug genug?

May 6, 2017

Oder ist Yoga immer noch das, was es einst einmal war? Ein kleiner Denkanstoß.

 

 

 

Yoga bedeutet nicht, etwas zusätzlich zu tun. Das ist ein Irrtum, der sich vielerorts breit gemacht hat. Asanas sind nicht als rein sportliche Übungen oder Wettkampf gedacht. Eigentlich.

 

Yoga ist nämlich eigentlich genau das Gegenteil - das Reduzieren auf ein Minimum. Anders formuliert,  weniger tun - mehr Sein. Es geht mehr darum, eine Verlangsamung zu erreichen, den Körper ruhig werden zu lassen. Entschleunigung 2.0 sozusagen.

 

Die Orientierung bei den Yoga Haltungen liegt also nicht darin, eine spezielle Asana perfekt auszuführen - was auch immer perfekt in diesem Kontext sein mag - sondern die Bewegungen des Körpers zur Ruhe zu bringen. Das wiederum führt früher oder später dazu, die konstanten Bewegungen des Geistes ebenfalls zur Ruhe zu bringen. Yoga, aus dem Sanskript übersetzt mit „to yoke“ / verbinden: Raus aus dem Kopf, zurück ins Herz. Beziehungsweise: den Verstand mit dem Herzen verbinden. Das Kleine mit dem großen Ganzen in Einklang bringen. 

 

Viele Yogis, und ich war keine Ausnahme, versprechen sich anfangs mehr Effizienz: „Wenn ich Yoga mache, bin ich produktiver, besser.“ Höher, schneller, weiter. Eine 90 Minuten Schein-Auszeit im Namen der Selbstoptimierung.

 

Die Motivation im Yoga ist eher eine des Nicht-Tuns. Sie liegt darin, weniger zu machen. Es gilt, den Fokus nach innen zu richten, nicht nach außen. Dabei wird Energie konserviert und diese nährt uns von Innen heraus. Nachhaltig und liebevoll.

 

Auch für unsere Sinne bedeutet Yoga eine Entschleunigung. Der äußere Geist und seine Impulse werden zur Ruhe gebracht. Der Geist bewegt sich im Alltag (häufig viel zu) schnell. Speziell in der medien-basierten Welt sind die vermittelten Sinneseindrücke extrem schnell und bunt. Laut und lauter. Wer am Lautesten schreit, gewinnt.

 

In der Natur verläuft nichts so schnell. Die Sonne braucht einen ganzen Tag um aufzugehen und wieder unterzugehen. Punkt. Auch eine Deadline würde daran nichts ändern. Ausrufezeichen. 

 

Wenn man so will, geht es im Yoga darum, den Geist zu verlangsamen und ihn wieder mehr den Bewegungen der Natur anzupassen, also wegzukommen von der Hyper-Aktivität der Sinne. 

 

Die Natur hat viel subtilere Reize - subtilere Farbnuancen, Düfte oder Geräusche. Sie sind vielleicht nicht so dramatisch, besitzen dafür eine ganz andere Fülle und Intensität. Die Beschaffenheit von Blättern und Wolken, all das können wir auf einem Bildschirm nicht wirklich gut vermitteln. Dabei gehen die Dimensionen und die Tiefe verloren. 

 

Wir Menschen sind körperlich und seelisch mangelernährt und zugleich überstimuliert. Das versuchen wir zu kompensieren, indem wir immer mehr und häufiger Junk Eindrücke und Junk-Food in uns hineinstopfen - wir werden schwer und stumpf langsam aber sicher ab. Wir werden zu Konsumenten, zu Zuschauern, die keine Lust mehr auf kreative Aktivität haben.


 

 

Hier setzt Yoga an.

 

Durch Yoga lernen wir also erst einmal den Geist zur Ruhe zu bringen. Das ist auch die Voraussetzung für die Meditation. Wir lernen erst einmal, zu beobachten und wirklich Zeuge zu sein. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, zu reagieren und Teil des äußeren Phänomens zu sein. Die menschliche Kultur hat sich von der Natur isoliert und hat sich in extremen Aktionen und Reaktionen verfangen. Extremer formuliert, die menschliche Kultur hat ihr Inneres verloren.

 

Yoga im ursprünglichen Sinne ist zunächst mal eine spirituelle Praxis und die tiefgehende Wissenschaft davon, wie man in Kontakt mit seiner eigenen Natur kommt. Yoga hat dabei sehr viel mit dem Lebensstil zu tun. Es geht nicht nur um Asanas, sondern auch um die Yamas und Niyamas, um eine ethische, natürliche, spirituelle Lebensführung. 

 

Yoga hilft, ein Leben zu leben, das stärker in Harmonie mit dem großen Ganzen ist. Die Leute denken, Yoga hieße, Klassen zu besuchen. Und vielleicht mehr yogische Dinge zu tun… wo Yoga doch eigentlich Teil des Prozesses ist, weniger zu tun – weniger zu konsumieren, bewusster zu sein, konzentrierter zu sein, sich körperlich und geistig langsamer zu bewegen und dabei in seinem Tun eine höhere Bewusstheit zu erreichen.

 

Yoga bedeutet Integration und Harmonisierung der diversen Einflüsse. Eines der großen Probleme ist, dass unser Leben so viele verschiedene Aspekte enthält: physische, emotionale, soziale, kreative, spirituelle… es gibt ein Familienleben, ein Berufsleben, ein politisches Leben. Wir sind Mutter, Karriere-Frau, Seelsorger, Superheld. Beim Yoga geht es also auch darum, eine Balance und Harmonie zwischen den verschiedenen Ebenen herzustellen und jedem Aspekt seinen Platz zu gewähren. Yoga ist also nicht eine einzige Sache, sondern ein Weg, Harmonie in all das zu bringen, was wir tun. 

 

Yoga ist demnach ein vielseitiges, integratives Modell, das uns hilft, mit dem Leben besser umzugehen. Und dabei so wenig wie nötig zu tun und mehr Zeit zum sein zu haben. In diesem Sinne:

 

Namasté! 

Please reload